Der Pfarrerblock im Konzentrationslager Dachau

Der Pfarrerblock im Konzentrationslager Dachau

 

„Drei Dinge sind nicht zu ermüden: ein Knabe auf der Gasse, ein Mägdlein am Tanz, ein Priester im Opfer.“ Johann Geiler von Kaysersberg

Der Verfolgung von katholischen Priestern gingen Verhandlungen bis hin zum abgeschlossenen Vertrag, dem Reichskonkordat mit dem Vatikan und der Nationalsozialisten Regierung Deutschlands voraus. Als Reichskonkordat wird der am 20. Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich geschlossene Staatskirchenvertrag bezeichnet. In ihm wurde das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und der römisch-katholischen Kirche geregelt. Nach dem Zusammenbruch vieler Monarchien in Folge des Ersten Weltkriegs sowie die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität des Vatikans machte es für die katholische Kirche notwendig, ihre internationalen Beziehungen neu zu regeln. Unter Papst Pius XI. wurden zahlreiche Konkordate geschlossen, unter anderem mit Lettland 1922, Portugal 1928, Italien 1929 und Österreich 1933. Nachdem frühere Vereinbarungen über das Verhältnis von Staat und Kirchen im Deutschen Reich durch die Novemberrevolution und die Weimarer Reichsverfassung an Geltung verloren hatten, bemühten sich sowohl der Heilige Stuhl als auch Politiker der katholischen Zentrumspartei in den 1920er Jahren wiederholt um den Abschluss eines neuen Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich. Doch die Verhandlungen scheiterten aus verschiedenen Gründen: Mit den instabilen Reichsregierungen der Weimarer Republik waren einerseits nur schwer längere Verhandlungen zu führen, andererseits weigerten sich alle Regierungen konstant, in der Frage der Konfessionsschulen, des Religionsunterrichts, der Anerkennung ausschließlich kirchlicher Trauungen „in Fällen sittlichen Notstandes“ und der finanziellen Leistungen des Staates an die Kirche nach Artikel 138 der Weimarer Verfassung den Forderungen der Kurie entgegenzukommen. Hitler hatte großes Interesse am Abschluss eines Konkordats. Er hoffte, ähnlich den Bestimmungen des italienischen Konkordats von 1929, dadurch den Klerus von parteipolitischer Betätigung fernhalten zu können und über kurz oder lang auch die politische Vertretung der Katholiken im Reich, die Zentrumspartei, ausschalten zu können, wenn sich der Nationalsozialismus als kirchenfreundlich zeige und dadurch verstärkt ins katholische Wählerreservoir eindringen könne. Die erste Verhandlungsrunde tagte Ostern 1933 im Vatikan. Wichtigste Verhandlungspunkte waren die politischen Betätigungsmöglichkeiten des Klerus so weit einzuschränken, dass sie de facto nur mehr mit einer päpstlichen Dispens möglich gewesen wäre, auf deren Gewährung der Heilige Stuhl weitgehend verzichten wollte. Im Gegenzug sollte das Deutsche Reich der Kirche in der Frage der Bekenntnisschulen und des Religionsunterrichts weit entgegenkommen.

 


Dieses Angebot ging Hitler jedoch nicht weit genug. Er wollte ein generell festgeschriebenes Verbot politischer Betätigung für Kleriker durchsetzen und war dafür bereit, die schulpolitischen Forderungen Pacellis weitgehend zu akzeptieren. Die deutschen Bischöfe intervenierten gegen den vollkommenen Rückzug der Pfarrer aus der politischen Öffentlichkeit und wollten zusätzlich den Schutz der katholischen Verbände berücksichtigt wissen. Nach offenem Straßenterror der SA gegen den in München stattfindenden Gesellentag des Kolpingwerks am 11. Juni 1933 erschien vor allem die letzte Forderung vordringlich. Die Bischöfe glaubten, nur noch durch die Garantie der katholischen Verbände in einem Konkordat den Verbandskatholizismus vor der Gleichschaltung retten zu können. Die zweite Verhandlungsrunde erarbeitete bis zum 1. Juli den später dann auch beschlossenen Vertragstext. Die deutschen Bischöfe rieten Pacelli zur Annahme, da sie vermutlich fürchteten, die deutschen Katholiken und die katholischen Verbände könnten bei einem Scheitern des Konkordatsabschlusses noch härteren Repressionen unterliegen. Noch am selben Tag hob Hitler in einer Verordnung alle Zwangsmaßnahmen gegen katholische Organisationen und Geistliche auf und bestätigte so die Hoffnungen, die die katholische Seite in das Konkordat gesetzt hatte. Insgesamt wird allerdings das Konkordat nicht nur innenpolitisch, sondern auch international zumeist als ein nicht zu unterschätzender Prestigegewinn für Hitler beurteilt. Zwar war dem Deutschen Reich nach der so genannten Machtergreifung bereits vor Abschluss des Konkordats die Verlängerung des Berliner Vertrages mit der UdSSR und der Neuabschluss des Viererpakts gelungen, das Konkordat stellte aber dennoch den bis dahin größten, auch als Form der moralischen Anerkennung hoch anzusiedelnden, Erfolg der nationalsozialistischen Außenpolitik dar.

Erst als die Nationalsozialisten immer mehr Teile der Konkordatsvereinbarungen brachen oder schlicht ignorierten, kam es im deutschen Episkopat zu offener Kritik. Zuvor hatten die Bischöfe weitgehend geschwiegen und auf Interventionen zugunsten bedrohter katholischer Verbände und Tageszeitungen verzichtet, vielfach mit der Begründung, die Lage der Katholiken nicht noch durch öffentliche Gegnerschaft der Bischöfe zu Hitler zu verschlimmern. Es gab aber auch Oberhirten wie den Freiburger Erzbischof Gröber, die mit der nationalsozialistischen Politik sympathisierten und von daher die Repressionen gegen katholische Vereine und Tageszeitungen lediglich für „Auswüchse untergeordneter Parteistellen“ hielten. Seit Ende 1935 gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Teilen der katholischen Kirche und der Regierung Hitler um das Schulwesen, die Orden und die Verfolgung Geistlicher in den Devisen- und Sittlichkeitsprozessen. Die Kritik an der NS-Kirchenpolitik gipfelte schließlich in der Enzyklika. Mit brennender Sorge (1937) von Papst Pius XI.. Darin warf Pius den Nationalsozialisten vor, dass „Vertragsumdeutung, die Vertragsumgehung, die Vertragsaushöhlung, schließlich die mehr oder minder öffentliche Vertragsverletzung zum ungeschriebenen Gesetz des Handelns gemacht wurden“. Der Protest blieb allerdings weitgehend wirkungslos.

 

 

Die Evangelische Kirche, die von vornherein ein ehe angleichendes Verhältnis zum Staat und zur Politik hatte, teilte sich 1936 in Deutsche Christen und die Bekennende Kirche. Die Vertreter der Bekennenden Kirche, ihre bekanntesten Vertreter war Pastor Niemöller und auch Dietrich Bonhoeffer, wurde extrem verfolgt.

Pfarrerblock, auch Priesterblock, wurden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern jene genannt, in denen Geistliche verschiedener Konfessionen und verschiedener, größtenteils aber polnischer, Nationalität inhaftiert waren. So begann die SS gegen Ende 1940 damit, alle Geistlichen, unabhängig der Konfession, aus den Konzentrationslagern ins Lager Dachau zu überstellen. In den drei nebeneinander liegenden Wohnbaracken wurden die Geistlichen untergebracht. Während die Häftlingsgruppe der katholischen Priester hinsichtlich ihrer Haftbedingungen Unterstützung ihrer Amtskirche erhielt, fehlte den inhaftierten evangelischen Geistlichen, die vor allem der Bekennenden Kirche angehörten, entsprechende Unterstützung. Denn auf Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland bestand mit der Deutsche Evangelische Kirche weder eine einheitliche Kirchenleitung noch eine gemeinsame Haltung sämtlicher Landeskirchen und Gliederungen gegenüber dem Nationalsozialismus. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges gingen die Nationalsozialisten vor allem im besetzten katholischen Polen gegen Geistliche vor. Polnische Geistliche hatten großen Einfluss in ihrer Nation, sie wurden aus ihrer Heimat nun fast gänzlich entfernt. Der Vatikan und die reichsdeutschen katholischen Bischöfe intervenierten bald wegen der Haftbedingungen der katholischen Geistlichen. Die Nationalsozialisten machten daraufhin Zugeständnisse. Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich im März 1938 überstellte die SS 14 österreichische Priester ins Lager. Beim Pfarrerblock handelte es sich wie bei allen Häftlingsblöcken im Lager Dachau um Holzbaracken mit der Grundfläche 100 x 10 Meter. Sie entsprachen dem damaligen Stand von Reichskasernen und hatten vier Räume, genannt Stuben. Diese wiederum waren in je einen Schlaf- und einen Tagesraum aufgeteilt. Jeweils für zwei Stuben standen ein Wasch- und ein Toilettenraum zur Verfügung. Jede Stube war für 52 Häftlinge eingerichtet.


Der Pfarrerblock bestand später aus drei zusammenliegenden Wohnblöcken: Block 26, 28 und 30. Den anderen Häftlingen war der Zutritt zu dem Pfarrerbereich untersagt. Die Priester waren im Winter mit dem Schneeräumen beauftragt. In Holzschuhen fuhren sie Schubkarren mit Schnee, oder trugen ihn auf Brettern vom Häftlingsgelände. Im März setzte die SS viele auf der Plantage, im Freiland II, ein. Ende März wurden sie von den Arbeitskommandos abberufen und mit der täglichen Verteilung des Essens im Lager beauftragt. Ihre Wohnblocks teilte die SS nun mit Drahtzäunen ab, der Kontakt zu normalen Häftlingen war ihnen untersagt. Ab dem 11. April 1941 erhielten alle Geistlichen eine größere Brotration und andere Vergünstigungen, zum Beispiel täglich einen Viertelliter Kakao, einen Viertelliter Messwein und einen Achtelliter Bier. Die Lebensmittelprivilegien waren vom Vatikan finanziert. Einmal wöchentlich wurden die Priester gewogen, zweimal pro Woche nahmen sie ein Bad. Je eine Stunde vormittags und nachmittags teilte ihnen die SS Ruhezeiten zu. Die Vergünstigungen kamen bei anderen Häftlingen und bei SS-Leuten nicht gut an. Die SS-Truppen waren nun z.B. darauf bedacht, dass die Geistlichen nur in ihrem Beisein das Bier austranken, oder den Gottesdienst abhielten, und jeweils möglichst schnell. Einerseits ermöglichte die Separierung die vom Vatikan für seine Geistlichen geforderten Hafterleichterungen. Andererseits entzog man die übrigen Häftlinge dem Einfluss der Seelsorger. Die Privilegien waren mit Schikanen seitens der SS sowie Misstrauen und der teilweise tiefen Abneigung anderer Häftlinge gegen die „Pfaffen“ verbunden. Man warf ihnen vor, arbeitsscheu zu sein. Im Januar 1941 wurde in Block 26, Stube 4, auf Befehl Heinrich Himmler für die Geistlichen eine Kapelle eingerichtet. Vom 22. Januar an konnten die Geistlichen dort täglich Gottesdienste abhalten. Hierbei war jeweils ein SS-Mann zur Aufsicht anwesend. Der Altar bestand aus einem kleinen Tisch, der mit Bettlaken überspannt wurde. Darauf befanden sich ein winziger Kelch und eine hölzerne Monstranz, später eine schön anzusehende, selbstgemachte Monstranz aus Blech. Auch trafen später Pakete und Geschenke von kirchlichen Vertretern ein. Im September 1941 entfiel das bessere Essen. Die restlichen Privilegien gestattete man von nun an nur noch deutschen und österreichischen Geistlichen. Am 15. September 1941 wurden die deutschen und österreichischen Geistlichen auf Block 26 untergebracht, Block 26 war nun allein abgezäunt. Die SS verfügte, die Fenster der Kapelle weiß zu streichen, damit Häftlinge keinen Einblick mehr hätten und Missgunst verringert würde. Die restlichen Geistlichen fasste man in den beiden bald völlig überfüllten Blöcken 28 und 30 zusammen. Diese zwei Pfarrerblöcke teilte die SS durch Abbau der Zäune und Wegfall der Privilegien wieder dem Gesamtlager zu. Wie andere Häftlinge durften diese vielen Geistlichen nun auch nicht in die Kapelle in Block 26. Aufgrund der vorherigen Privilegien sahen sich die meisten der polnischen katholischen Geistlichen nun der Missgunst anderer Häftlinge ausgesetzt und bekamen verstärkt Erniedrigungen zu spüren. Sie standen unter der Aufsicht des radikalen Lagerkapos Hentschel, wurden aber noch in den besseren Arbeitskommandos eingesetzt. Die Sterblichkeitsrate der polnischen Geistlichen stieg, viele wurden auch als Invaliden nach Hartheim deportiert und dort mittels Gas getötet. Da sie nicht in normalen Kommandos arbeiteten, wurden sie als arbeitsscheu betitelt und verstärkt für medizinische Versuchsreihen ausgewählt, da sie meistens noch über eine bessere körperliche Verfassung verfügten, jedenfalls aus Sicht der ‚experimentierenden Ärzte’. Zu Ostern 1942 mussten sie in der Karwoche aufgrund von Kleinigkeiten wegen Schikane durch die SS einige Tage hindurch strafexerzieren, auch bei Schneeregen. Ein Umschwung kam erst Ende 1942, als die Beschränkung bei Paketen aufgehoben wurde. Priester, vor allem polnische, bekamen mehr Pakete als andere, da sie auch von ihren Pfarrgemeinden bedacht wurden. Vor den Pfarrerblocks bildeten sich nun Reihen von Bittstellern, viele waren russische Häftlinge, die nie Pakete aus der Heimat erhielten. Durch den Tauschhandel konnten polnische Geistliche nun wieder in bessere Kommandos gelangen.

 

 

Mit der Besetzung Böhmens und Mährens gerieten neben politischen Gegnern auch widerständische Priester und Pfarrer aller Glaubensrichtungen ins Visier der Nationalsozialisten. Nach dem bisherigen Stand gingen insgesamt 121 tschechische Geistliche durch das KZ Dachau. Die Mehrheit bildeten mit etwa 87 % die katholischen Priester, zumal der „Katholizismus in allen seinen Formen und mit allen seinen Gliedern in der gesamt-staatlichen, antideutschen und antinazistischen Front“ im Protektorat vertreten war. Da die Priester außerdem Angehörige der Intelligenzschicht waren und durch ihre Predigten einen enormen Machtfaktor in der tschechischen Bevölkerung darstellten, bedrohten sie in den Augen der Besatzer durch ihre subversive Betätigung nachhaltig die Stabilität des nationalsozialistischen Regimes im Protektorat. Im Prager Gestapo-Stab wurde daher bereits in den ersten Wochen der Besatzung eine besondere Abteilung „Kirchen“ eingerichtet. Die Behandlung der Geistlichen unterschied sich ebenfalls grundlegend von der der anderen „roten“ Häftlinge. In Dachau wurden sie nämlich, ähnlich wie die Juden, einer besonders grausamen Verfolgung ausgesetzt. „Die Priester trugen überwiegend hölzerne Pantinen, die auch unter normalen Umständen die Füße aufrieben. Im Schnee, der ständig an ihnen klebte, war das gehen in den Holzpantinen eine Qual. Mit solchem Schuhwerk, angetrieben und geschlagen von Hentschel und seinen Gehilfen, beförderten die Geistlichen den Schnee in Schubkarren und auf Tischplatten in den Bach hinter dem Tor.“

In den Jahren des Nationalsozialismus wurden circa 3000 Geistliche beider Konfessionen, wobei die katholischen Geistlichen die Mehrheit bildeten ins Konzentrationslager Dachau verbracht. 1.034 verstarben im Lager. Am Sonntag, dem 29. April 1945, wurde das Lager Dachau befreit, unter den Häftlingen waren 1.240 Geistliche.

Bild 1-4: Quelle: bundesarchiv.de · Bild 5: Buchtitel ‚Pfarrerblock‘ – Quelle: images-amazon.de

Hinterlasse einen Kommentar

Your email address will not be published.