Vom ICH zum Du und dann zum WIR

Vom ICH zum Du und dann zum WIR

 

„Du klagest, dass die Welt so unvollkommen ist, und fragst warum? Weil du so unvollkommen bist!“

An sich ist mit diesem Zitat von Friedrich Rückert alles, oder wenigstens fast alles gesagt. Viel zu gern strecken wir den Finger aus, um auf andere zu zeigen, das entlastet uns selbst und stellt unser eigenes Denken und Handeln nicht in Frage. Doch je häufiger wir das tun, desto schneller kommt der Nachteil, den wir gerade durch Fingerzeig von uns abwälzten, wieder zu uns zurück. Oftmals benötigen wir Nackenschläge dieser Art, so häufig, bis wir es gelernt haben, den Finger auf uns selbst zu richten, um uns und unser Handeln in Frage zustellen, beziehungsweise manches an uns zu verändern. Dass wir diese Form des Lebens-Lernens benötigen und uns die bessere Einsicht nicht vorher umschwenken lässt, ist mehr als bedauerlich, doch wenn wir auf unser eigenes und das Leben anderer schauen, dann scheint es nur allzu menschlich zu sein. Mit anderen Worten, könnten wir jedem Lebens-Stolperstein dankbar sein, denn er kann uns zu neuen Erkenntnissen führen. Ob wir das zulassen, nun, das muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Doch eins ist uns da gewiss, die Lernprozesse des Lebens enden nie, was sich auf der einen Seite beschwerlich anhören mag, tja, und häufig ist es genau so, doch andererseits können und dürfen wir weiter wachsen, auch über unsere körperliche Größe hinaus. Na, und das sind doch auch recht erhebende Aussichten. Aber ob wir dahingehend unsere ‚Ziele’ vielleicht auch nicht immer erreichen, so bleibt doch entscheidend, dass wir uns überhaupt diesem, unserem Lebens-Weg stellen und ihn versuchen zu bewältigen. Ganz wie Friedrich Hebbel sagt:

„Monologe sind laute Atemzüge der Seele.“   

Wenn wir nun aber gar nicht mehr mit dem gestreckten Zeigefinger auf andere zeigen können, so entsteht ja eine Lücke in unserem Tun, die es zu füllen gilt. 

Nun könnten wir ‚missionarisch’ auf andere zugehen, um ihm vom zwar erfüllten, doch beschwerlichen Lebensweg zu predigen, doch wie wir aus eigener Erkenntnis sehr gut wissen, bringt das wenig, denn unsere Lebens-Stolpersteine, sind nun mal nicht die des anderen, so muss jeder seine Erfahrungen, ob gute oder weniger gute, selbst machen, um aus dem daraus gelernten dann auch Stärke entwickeln zu können. So könnte man meinen, dass so jeder auf seinem eigenen Lebens-Weg laufend, manchmal kriechend und manchmal frohlockend umher springend, recht einsam ist, doch gibt es immer wieder Kreuzungen zum DU. Hier können Erfahrungen ausgetauscht werden, im Respekt auf den anderen, gleich welchen Alters, welcher Herkunft oder inneren Einstellung. So können wir einander bereichern, ganz einfach im simplen Austausch miteinander, ohne uns selbst einer Wertung preiszugeben und natürlich ohne den anderen in irgendeiner Weise zu werten. Solche Begegnungen bereichern uns in höchstem Maße, denn sie erreichen nicht nur unsere Hautoberfläche, sondern können tief unser Herz erreichen. Oftmals bleibt es bei solchen ‚Begegnungen’ nicht, sondern es entstehen Verbindungen zum DU, die ein Leben lang halten, auf welcher Ebene sie auch immer stattfinden, ganz in diesem Sinne:

„Ein Freund ist gleichsam ein zweites Ich.“ Ambrosius von Mailand.

So gestärkt, durch uns selbst und an der Seite des DU´s treffen wir bereits an der nächsten Lebens-Weg-Gabelung auf das WIR. Da wir bereits gestählt sind in der Eigenverantwortung und auch in der Achtung vor dem DU, ist die Begegnung mit dem WIR eine ganz neue Herausforderung. Hier sind wir in vielerlei Hinsicht gefordert, nicht nur mit unserem Sein, sondern auch mit der Fähigkeit mit anderen mitzuschwingen, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Nicht immer gefällt uns das WIR, sind wir nicht einer Meinung, können wir keinen Konsens im Miteinander finden, doch auch in diesen Situationen müssen wir lernen, nicht zu kneifen, sondern ganz bei uns zu bleiben. Natürlich ist es nicht immer leicht solch ein WIR auszuhalten, doch wenden wir selbst uns ab, nehmen wir uns zum einen wertvolle Erfahrungen und zum anderen die Möglichkeit uns mit unserem Selbst einzubringen um das WIR durch das ICH zu bereichern. Gewiss keine leichte Aufgabe, und viele ziehen sich zurück, was auf der einen Seite durchaus verständlich ist, uns aber jede Gestaltungsmöglichkeit, auch wenn sie noch so klein ist, nimmt. Manchmal erscheint es eine Sysiphusarbeit zu sein, und von wenig Erfolg gekrönt zu werden, doch hat Geduld und ein ‚langer Atem’ häufig auch Erfolg. Im WIR nehmen wir eine gesellschaftliche Pflicht war, der wir mit Verantwortung zu begegnen haben.


Tja, und wie das mit den Pflichten im Leben so ist, resultieren daraus natürlich auch Rechte, die nämlich, des Mitentscheidens. Suchen wir uns also keinen Platz im WIR, wobei der auch immer wieder variabel sein kann, so beschneiden wir uns selbst in unseren Rechten. Na, und wer will das schon?

Ganz gleich wohin wir schauen, ob zum WIR in Großen oder zum kleineren, überschaubaren WIR, oder auch nur zum DU, immer wirft es ein Schlaglicht auf uns selbst, also zu ICH. Kann unser ICH wärmend Lächeln, erfreut es das DU und gibt dem WIR Lebendigkeit, die hundertfach zu uns zurückkommt. Denn wo kein WIR, da findet sich kein DU und ein ICH verliert sich.

So fange ich an zu lächeln … hat es sie schon erreicht ????

Bild 1: Der Mensch v. da Vinci – Quelle: net.dna-cdn.com · Bild 2: Das Kirschenpaar – Quelle:  wordpress.com · Bild 3: Zum Wir – Quelle: lamoia.de · Bild 4: Bitte Lächeln – Quelle: permobil.com

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