Walter Gropius

Walter Gropius

Walter Gropius • Begründer des Bauhauses in Dessau

„Unser Alltag wird zu einem wesentlichen Teil durch die Architektur bestimmt, die uns Tag für Tag umgibt.“ Jürgen Tietz

Walter Gropius wurde am 18. Mai 1883 in Berlin geboren und verstarb am 5. Juli 1969 in Boston, Massachusetts. Er war Architekt und der Gründer des Bauhauses. Neben Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier gilt er als Mitbegründer der modernen Architektur. Architektur war ihm in die Wiege gelegt, sein Onkel war Martin Gropius, der stark von Schinkel beeinflusst war, was man am Martin-Gropius-Bau in Berlin und dem Konzerthaus in Leipzig erkennt. Sein Vater war der Geheime Baurat Walther Gropius und seine Mutter, Manon Gropius, war die Tochter von Georg Scharnweber, einem bedeutenden Kommunalpolitiker Brandenburgs. In kurzer Ehe war er mit Alma Mahler, der Frau des Komponisten Gustav Mahler, verheiratet; deren gemeinsame Tochter früh starb. Walter Gropius heiratete 1923 die Journalistin Ilse Frank. Nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Schulbildung begann er 1903 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule München, das er ab 1906 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg fortsetzte, 1908 aber ohne Diplom abbrach. Im selben Jahr trat er in das Büro von Peter Behrens ein, in dem neben ihm auch andere später berühmt gewordene Architekten gearbeitet hatten, unter anderem Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Nach zweijähriger Mitarbeit bei Behrens machte sich Gropius 1910 als Industriedesigner und Architekt selbständig. Als Formgestalter entwarf er Inneneinrichtungen, Tapeten, Serienmöbel, Autokarossen und eine Diesellokomotive. Seine erste bedeutende architektonische Arbeit war das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine, das er zusammen mit Adolf Meyer baute. Dieser Fabrikbau gilt mit seiner Stahl- und Glasarchitektur als richtungweisendes Werk der später sogenannten ‚Modernen Architektur’, die in den 1920er-Jahren unter der Bezeichnung ‚Neues Bauen’ oder ‚Neue Sachlichkeit’ zum allgemeinen Begriff wurde.


Das Fagus-Werk wurde im Juni 2011 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1914 in Köln baute Gropius mit Meyer zusammen eine Musterfabrik, die sich später ebenfalls als bedeutender Beitrag zur modernen Architektur erweisen sollte. Die Besonderheit dieses Baus waren rund verglaste Treppentürme. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Walter Gropius zum Begründer des Bauhauses. Er wurde 1919 auf Vorschlag Henry van de Veldes als dessen Nachfolger zum Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar ernannt und gab der neuen Schule den Namen ‚Staatliches Bauhaus in Weimar’. Doch nicht nur intern brillierte Gropius mit kommunikativen und diplomatischen Fähigkeiten. Auch in der Öffentlichkeit wusste er bravourös und ebenso erfolgreich auf der Klaviatur der medialen Möglichkeiten zu spielen: Mit Vorträgen und Pressearbeit über die Herausgabe eigener Publikationen bis zum Erstellen von Filmen. Oft geschah das als Reaktion auf äußeren Druck, denn der Bauhausdirektor musste buchstäblich täglich um Anerkennung, ja die Verteidigung der Institution kämpfen. Gropius hatte das Amt des Direktors bin 1928 inne, in diese Zeit fiel auch er Umzug nach Dessau. Hier zeigte sich auch eine seiner größten Fähigkeit, andere für Ideen zu begeistern und mitzureißen. Ihm lag nicht nur eine äußere Veränderung der Arbeitwelt durch die Architektur am Herzen, er wollte auch das Miteinander der Menschen in der Arbeit verändern. Hier waren ihm Teamgeist, ein Wort das es in seiner eigentlichen Bedeutung im sprachlichen Gebrauch noch gar nicht gab, besonders wichtig. Auch nach seinem Weggang vom Bauhaus, blieb er mit diesem und seiner Grundidee immer verbunden.  Dass Gropius so überaus erfolgreich Menschen für sich und die Projekte des Bauhauses begeistern und auch intern für die individuellen Künstler- und Gestalterpersönlichkeiten eine anregende Atmosphäre bereiten konnte, steht heute außer Zweifel, ja wird als seine eigentliche Leistung angesehen.


In der Tat hat Walter Gropius entscheidenden Anteil daran, dass er nach seinem Weggang vom Bauhaus im Jahre 1928 und vor allem, nachdem er in die USA gegangen war, zum ‚Mister Bauhaus’ wurde. Mit der Bauhausausstellung, die er mit ehemaligen Bauhausmeistern 1938 im Museum of Modern Art einrichtete, begann eine einzigartige Serie von Publikationen und Ausstellungen, die das Bauhaus zum geradezu mythischen Zentrum der klassischen Moderne werden ließen. Noch die für viele Jahre umfangreichste Bauhausausstellung von 1968 in Stuttgart wurde maßgeblich von Gropius und seinen ehemaligen Mitstreitern bestimmt. Nach seinem Weggang beschäftigte er sich stark mit dem funktionalen Wohnungsbau. Er wollte bezahlbare Wohnsiedlungen bauen, um zum einen die Wohnungsnot der damaligen Zeit zu lösen und um die Menschen aus den Hinterhöfen der Städte herauszuholen. So baute er 1928/29 die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe und in den Jahren 1929/30 die ‚Siemensstadt’ in Berlin, die in eine parkähnliche Gestaltung gesetzt wurde. Die Wohnungen waren klein, aber funktional. Sie waren mit Bädern, Zentralheizung und Balkon ausgestattet; luxuriös für eine damalige ‚Arbeiterwohnung’. 1933 ging Walter Gropius in die USA.

Als Gropius 1938 in den USA der erste ausländische Leiter der Architekturabteilung an der Harvard-Universität wurde, kooperierte er mit Konrad Wachsmann und mit dem ehemaligen Bauhauskollegen Marcel Breuer. Mitte der 1940er Jahre gründete Gropius TAC: The Architects Collaborative. Es entstanden interessante Bauten, doch das architektonische Werk von Gropius erreichte nach seiner Bauhauszeit nicht mehr diese Stringenz und Bedeutung wie Projekte von Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier. Die zurückhaltende Wertung des Architekten Gropius liegt aber auch daran, dass er aufgrund seiner theoretischen Texten als ‚Funktionalist’ wahrgenommen wurde, sowohl von der wohlwollend als auch der kritisch eingestellten Fachwelt. Bauen war für Gropius eine eminent soziale Aufgabe. Es ging um bessere Lebensverhältnisse für alle. Walter Gropius‘ Texte setzten unterschiedliche Schwerpunkte im Spannungsfeld zwischen ‚Wohnorganismus’ und ‚Wohnmaschine’. Er arbeitete mit den Begriffen ‚Funktion’; ‚Zweck’; ‚Wesen’; auch mit ‚Vorgang’. Das sowohl, wenn er nach Lösungen für die wissenschaftliche Planbarkeit und Organisation des Baustellenbetriebs suchte, als auch, wenn er die Gebrauchsqualitäten des Wohnhauses analysierte, also die ‚die Funktionen des Wohnens, Schlafens, Badens, Kochens, Essens’. Nur, das ist eben nicht alles. Zwar gliederte er das Haus als Organismus zunächst nach den Funktionen, die die inneren Vorgänge verdeutlichen. Ihre Abstimmung untereinander war aber nicht vorrangig von bautechnischen und -ökonomischen Fragen bestimmt: „Architektur“, so Gropius 1930, „erschöpft sich nicht in Zweckerfüllung, es sei denn, dass wir unsere psychischen Bedürfnisse nach harmonischem Raum, nach Wohlklang und Maß der Glieder, die den Raum erst lebendig wahrnehmbar machen, als Zwecke höherer Ordnung betrachten.“

Die Zeit seiner Lehre und seiner Vorträge war bestimmend für ganze Generationen von Architekten. 1957 baute er wieder in Berlin, hier einen Wohnblock für das Hansaviertel, zur Internationalen Bau-Ausstellung. Zu dieser Zeit fuhr eine Gondelbahn in luftiger Höhe durch das Hansaviertel um diese völlig neu gestalteten Bauten zu bewundern. In der Zeit von 1958-61 baute er die US-Botschaft in Athen und die Oheb-Shalom-Synagoge mit Gemeindezentrum in den USA.

Gropius hat mit seiner Idee vom ‚Baukasten im Großen’ die Grundlage für die Plattenbauten in den Satellitenstädten dieser Erde gelegt. Einerseits ermöglichte die industrielle Massenfertigung die Bereitstellung von dringend benötigtem Wohnraum, andererseits anonymisierte sie das Wohnen und schuf neue soziale Probleme. Für Gropius war Bauen immer ein ästhetischer Vorgang. Noch 1964 warnte er vor einem einseitigen ‚Superfunktionalismus’. Doch die Realität der gerade in jenen Jahren entstandenen Großsiedlungen, auch Gropius baute solche im Westen Berlins ab 1960, rief die Kritiker auf den Plan. Doch haben diese wirklich damals genau hingesehen? Wolfgang Thöner beschreibt das Bauhaus in Dessau so: “Wer genau hinsieht, entdeckt, dass seine Gestalt ganz und gar nicht nur aus der Konstruktion oder dem praktischen Gebrauch abgeleitet ist. Es gibt die geschlossene klare Gestalt, die sich beim Annähern dem Raum öffnet, es gibt ein Wechselspiel rauer und glatter Flächen und der große Glaskörper des Werkstatttrakts ist nicht in verkürztem Sinne nur durchsichtig, sondern changiert zwischen Reflektion und Durchsichtigkeit. Der geschulte Betrachter kann die Vorläufer für die serielle Gliederung der Fassade zurück bis auf Schinkels Bauakademie verfolgen. Es gibt sogar Bezüge zur vormodernen Tradition: Der Bau ist geradezu klassisch komponiert und nicht nur im Grundriss findet sich der Goldene Schnitt. Reste klassischer Ikonographie sind an den Dachabschlüssen und an den Treppenhausfenstern zu sehen, an mehreren Stellen zeigt der Bau die Rezeption ostasiatischer Einflüsse. Und es gibt eine aus den Formen und Prinzipien der Industrie schöpfende Poesie: Der Blick unter die Brücke kann wie ein Blick unter eine damalige Automobilkarosserie verstanden werden, wenn der Rahmen, das konstruktive Skelett, mit Gropius‘ Worten ‚nackt und strahlend klar’ und ‚ohne Sentimentalitäten’ gezeigt wird. Die vom Skelett abgesetzte weiße Wand wirkt wie das dünne Blech einer auf den Rahmen montierten Automobilkarosserie.“  



Die Erinnerung an den „ungeheuren Einfluss, den das Bauhaus auf jede fortschrittliche Schule in der Welt gehabt hat“, so der Laudator Mies van der Rohe zum siebzigsten Geburtstag von Walter Gropius im Jahre 1953, sollte auch mit einen frischen und unvoreingenommen Blick auf das Werk des Architekten und Gestalters Walter Gropius verbunden sein, er selbst sagte: „Das Schlagwort »das Zweckmäßige ist auch schön« ist nur zur Hälfte wahr. Wann nennen wir ein menschliches Gesicht schön? Die Teile eines jeden Gesichts dienen einem Zweck, aber nur wenn sie vollkommen sind in Form, Farbe und wohlausgewogener Harmonie, verdient das Gesicht den Ehrentitel »schön«. Das gleiche gilt für die Architektur. Nur vollkommene Harmonie in der technischen Zweck-Funktion sowohl wie in den Proportionen der Formen kann Schönheit hervorbringen. Und das macht unsere Aufgabe so vielseitig und kompliziert.“

Bild 1: Walter Gropius · Bild 2: Faguswerk · Bild 3: Bauhaus in Dessau · Bild 4: Gropiushaus im Hansaviertel Berlin · Bild 5: Briefmarke zu Ehren des Bauhauses – Quelle aller Bilder: wikimedia.org

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